Zu Weihnachten lag zwischen den Geschenken ein kleiner Umschlag. Eine Weinreise ins Jura. Vater und Söhne.
Wie so oft vergingen danach erst einmal Monate. Arbeit, Studium, Alltag und der Termin wanderte immer wieder ein Stück weg. Ein gutes halbes Jahr später war es dann endlich soweit. Das Auto war vollgepackt, die Vorfreude groß und jeder von uns hatte bereits eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was die Reise prägen würde. Dass am Ende etwas ganz anderes in Erinnerung bleiben würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch keiner.
Die Reiseplanung hatte ich übernommen. So geschah es, dass wir ein auch einen Abstecher ins Burgund machten. Airbnbs suchen, Restaurants reservieren und eine Route zusammenstellen, die möglichst alle glücklich macht. Zumindest war das der Plan. Im Nachhinein muss ich allerdings sagen. Das war vermutlich einfacher als gedacht. Denn aktiv beteiligt haben sich mein Vater und mein Bruder an der Planung weniger. Kommentare zur Planung gab es dafür unterwegs umso mehr. Offenbar sieht eine perfekte Reiseroute vom Beifahrersitz aus immer ein kleines bisschen anders aus. Spitzen gehören bei einer Männerreise einfach dazu. Das nehme ich keinem übel.
Mein Vater, mein Bruder und ich. Drei Männer, drei Geschmäcker und mindestens drei verschiedene Meinungen darüber, welche Route die beste ist und wo man unbedingt anhalten muss. Wer mit der Familie verreist, weiß kleine Reibereien gehören dazu. Mal ging es darum, wer wieder zu spät am Auto stand, mal um die Frage, ob das Navi oder die Intuition meines Vaters den besseren Weg kennt. Fünf Minuten später war alles wieder vergessen. Spätestens bei einem Glas Wein oder einem guten Essen.
Unsere Reise begann in Arbois, dem Herzen des Jura. Schon nach den ersten Stunden war klar, warum diese Region unter Sommeliers und Weinliebhabern beinahe Kultstatus genießt. Die Landschaft wirkt entschleunigt. Kalkfelsen, dichte Wälder, Weinberge und kleine Dörfer wechseln sich ab. Alles fühlt sich ursprünglich an. Hier scheint niemand einem Trend hinterherzulaufen.
Mindestens genauso schnell sahen wir auch unseren Lieblingsort. Das Bistro de Claquets. „Zufälligerweise“ war unsere Wohnung direkt gegenüber. Eigentlich wollten wir dort nur einen Abend verbringen. Daraus wurden mehrere. Es sind genau diese Restaurants, die eine Reise besonders machen. Ehrliche Küche, herzliche Gastgeber und Weine.
Beim Wein trennten sich unsere Wege allerdings zum ersten Mal. Mein Bruder war vom Jura vom ersten Glas an begeistert. Seine Zeit in Kopenhagen hat ihn sichtbar geprägt. Dort gehören Savagnin, Poulsard und die oft unkonventionellen Weine des Jura längst zu den spannendsten Positionen auf jeder ambitionierten Weinkarte. Er bestellte zielgerichtet die großen Namen des Juras.
Ich dagegen wollte diese Weine unbedingt verstehen. Und ich habe großen Respekt vor ihnen. Sie sind eigenständig, charaktervoll und erzählen mehr über ihre Herkunft als viele andere Regionen. Aber am Ende musste ich mir eingestehen sie sind einfach nicht ganz mein Stil. Das ist vielleicht sogar eine der schönsten Erkenntnisse einer Weinreise. Man muss nicht alles lieben, um es wertschätzen zu können.
Nach einigen Tagen führte uns die Reise weiter ins Burgund. Geschlafen haben wir in Meursault. Einem Ort, dessen Name bei Weinliebhabern sofort Bilder entstehen lässt. Schon beim ersten Spaziergang durch die kleinen Gassen hatte ich das Gefühl, angekommen zu sein. Das Jura hatte mich beeindruckt. Das Burgund berührte mich.
Vielleicht liegt es daran, dass Pinot Noir und Chardonnay mich schon lange begleiten. Vielleicht daran, dass man hier an jeder Ecke spürt, welche Bedeutung Herkunft wirklich haben kann. Zwischen den berühmten Lagen zu stehen, deren Namen man jahrelang nur auf Etiketten gelesen hat, ist ein besonderer Moment. Plötzlich werden Karten, Bücher und Verkostungsnotizen zu einer echten Landschaft.
Mitten in dieser Reise wurde ich 32 Jahre alt. Rückblickend hätte ich mir keinen passenderen Ort vorstellen können. Kein großes Programm. Kein Trubel. Einfach mein Vater, mein Bruder und ich in Meursault. Ein gutes Abendessen. Großartige Weine. Gespräche, die irgendwann auch nichts mehr mit Wein zu tun hatten. Solche Geburtstage schreibt man sich nicht in den Kalender. Sie bleiben einfach im Gedächtnis.
Wenn ich heute an diese Reise zurückdenke, denke ich erstaunlich selten zuerst an einzelne Flaschen. Ich denke an das Weihnachtsgeschenk, das ein halbes Jahr später Wirklichkeit wurde. An Arbois am frühen Morgen. An das Bistro de Caquets mi Jura oder Le Moulin in Meursault. An kleine Diskussionen zwischen Vater und Söhnen, über die wir wenige Minuten später schon wieder lachen konnten. An meinen Bruder, der das Jura ins Herz geschlossen hat. Und daran, wie mein eigenes Herz im Burgund ein kleines bisschen schneller schlug.
Vielleicht ist genau das das Schönste am Wein. Er verbindet Menschen. Manchmal sogar drei Männer, die sich nicht immer einig sind außer in einer Sache. Diese Reise war jede einzelne Minute wert. Ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Trip.
