Schenkt Wein mehr Aufmerksamkeit

In Geisenheim probieren wir Wein in rauen Mengen. Seminar, Verkostung, Blindproben, Übungen und oft, so ist zumindest meine Wahrnehmung, schenken wir dem einzelnen Glas zu wenig Aufmerksamkeit. Flasche auf, kurzer Geruch, ein Schluck, „performt nicht“ und schon geht es weiter zum nächsten. Es ist verständlich, weil der Rahmen es oft nicht anders zulässt. Jedoch ertappe ich mich hierbei auch oft, wenn wir in der Freizeit zusammensitzen. Es geht etwas verloren. Etwas Wesentliches.

Denn Wein braucht Zeit. Er ist kein Produkt, das man mit einem einzigen Schluck vollständig erfassen kann. Manche Weine sind wie Menschen, die nicht sofort reden. Sie müssen erst ankommen, Luft holen, Vertrauen fassen. Und wenn wir ihnen diese Chance nicht geben, sehen wir nur einen Bruchteil von dem, was sie eigentlich erzählen könnten.

Dabei gibt es kaum etwas Spannenderes, als einem Wein wirklich Aufmerksamkeit zu schenken. Ihn nicht gleich zu bewerten, sondern ihn quasi zu begleiten. Denn bevor ein Wein überhaupt bei uns im Glas landet, hat er ein ganzes Jahr voller Herausforderungen durchlebt. Frostnächte, die zarte Triebe gefährden, Hitzephasen, die Beeren stressen, Regen, der zur falschen Zeit kommt, Krankheiten, die im Weinberg wüten können. Jede Entscheidung im Wachstum wie zum Beisppiel der Laubarbeit, Bodenpflege, Ertragsregulierung prägt, wer dieser Wein später wird. Und im Keller setzt sich diese Entwicklung fort: Gärung, Ruhephasen, manchmal Holz, manchmal Stahl  und immer wieder das Ringen um Balance.

Gerade deshalb ist es so wertvoll, einem Wein Zeit zur Entfaltung zu schenken. Ich finde, es macht unglaublich viel Spaß, eine Flasche nicht an einem Abend „abzuarbeiten“, sondern über zwei oder drei Tage zu trinken. Ein Wein, der am ersten Tag streng wirkt, kann am zweiten Tag plötzlich weicher sein, fast einladend. Andere zeigen erst nach 24 Stunden eine Tiefe, die man ihnen beim ersten Schluck niemals zugetraut hätte. Es ist faszinierend zu erleben, wie Aromen sich öffnen, wie Tannine sich beruhigen, wie sich ein Wein sortiert, atmet, wächst. Hierbei erfährt man ab und zu große Überraschungen.

Diese Erfahrung verändert nicht nur unseren Blick auf Wein. Sie verändert auch die Art, wie wir urteilen. Zu oft erwarten wir sofortige Klarheit, ein eindeutiges Statement im ersten Moment. Doch die spannendsten Weine sind häufig die, die sich erst langsam offenbaren. Sie fordern uns, sie laden uns ein, sie überraschen uns. Und sie belohnen Aufmerksamkeit mit Charakter.

Ich möchte Mut machen, genau das zuzulassen. Nicht zu schnell weiterzublättern, sondern beim Wein einmal stehenzubleiben. Eine zweite Nase zu nehmen, ein zweites Glas, oder ihn am nächsten Tag erneut zu probieren. Sich einzulassen auf seine Entwicklung und darin auch ein Stück Entschleunigung für sich selbst zu finden. Gar nicht so verkehrt der Ansatz in stressigen Zeiten. Vielleicht ist es genau der Wein, der anfangs unzugänglich erscheint, der am Ende am meisten berührt.

Gerade jetzt, wenn das Jahr sich dem Ende zuneigt und vieles ruhelos wirkt, tut es gut, sich dieser langsamen Entdeckungsfreude hinzugeben. Genießt die Zeit mit einem Wein, begleitet ihn, lasst ihn wirken und euch überraschen. Manchmal sind es die leisen, unscheinbaren Flaschen, die am Ende die tiefsten Geschichten erzählen.